Der Friedensstift 


 

INHALT

Job oder Leben / Der Neue / Die große Führung / Bruder Bruno / Das Klostergemäuer / Die Geldgeber / Der Ballsaal / Der Hörsaal / Die Kapelle / Die Halle des Ruhms / Alles auf einer Platte / In Frieden sterben / Die Dämmerstunde / Für Dich / Der Abgang / Nach Hause / Die Nacht im Garten / Die Beerdigung / Die etwas andere Beisetzung / Die Ausbildung/ Wenn Träume sich erfüllen / Der echte Traum / Zu mir / Eine Stunde vor Abflug/ Die Aussichtsterrasse / Abflug Frankfurt am Main / Flug 212 / Verhaftet / Die deutsche Botschaft / Ausruhen / Nach Hause fliegen / Der Mechanismus der Selbstbestrafung / Die Verhöhnung / Beim Militär / Dämmerstunde umgekehrt / Der Wendepunkt / Was und Wie / Fehler als Schöpfung / Die Berge / Das Seminar / Die Programmierung / Auf dem Balkon / Radio am Abend / Das Plakat / Vor der Tür / Suchen und finden / Nur kurze Zeit / Die eigene Wirklichkeit / Spaziergang um drei / Gebraucht/ Der Start / Der Absturz / Die Kopie der Kopie / Der Leitspruch / Die Kritiker/ Die Pressekonferenz / Ski heil / Skihasies / Die Abfahrt / Die Bergstation / Die schöne Überraschung / Im Krankenhaus / Für die Angehörigen / Die Familie / Die Bahnfahrt / Das Kind / Familienplanung/ Zeugen / Die Einladung / Grenzenlos / Das Lachen / Über alles in der Welt / Island of Vision / In der Disko / Das Massaker / In der Klinik / Der Rückruf / Die Wildnis / Die Sonne am Berg / Die Suche nach den verlorenen Söhne / In der Hölle / Im Loch / Die Rettung / Der Empfang / Die Bestätigung / Die ganze Verantwortung / Das Fernsehspektakel

 

Job oder Leben

Der Hubschrauber flog dicht über die Wipfel der Tannen. Richard ließ die Füße heraus baumeln. Sie hatten für ihn die Seitentür offen gelassen. Er war wohl feste angegurtet, hatte aber trotzdem das Gefühl über dem Wald dahin zu gleiten. Da klopfte ihm der Flugbegleiter auf die Schulter. Als Richard nach innen schaute, nickten ihm die Piloten freundlich zu, er solle wieder hineinkommen. Richard rutschte zurück in seinen Sitz und schon stieg der Hubschrauber höher. Die ersten Häuser tauchten unter ihnen auf. „Wir sind gleich da. Sie müssen dann aber noch in die Stadt hinein. Wir durften da nicht landen. O.k?“rief ihm der Begleiter zu. Richard nickte. Er mochte dieses Leute, schon mehrmals war er mit ihnen geflogen. Der Hubschrauber schwebte auf dem Parkplatz ein und setzte auf. Richard wusste, dass es jetzt gleich los ging. Er schnallte sich los, griff seinen Rucksack, gab zu erst dem Begleiter die Hand und klopfte liebevoll den beiden Piloten auf den Helm, die sofort die Hand zum Winken hoben. Dann stieg er in den aufgewirbelten Staub aus. Die Tür wurde zugeschoben, und schon startete der Hubschrauber wieder. Richard beeindruckte das immer wieder, wie dieses Ungetüm, leicht wie eine Feder, vom Boden abhob.„Sind sie Bruder Richard?“ fragte ihn der grauhaarige Mann, der verzweifelt versuchte, sich vor den sausenden Rotorblättern zu schützen. „Ja, das bin ich!“rief ihm Richard zu und sah, wie der Hubschrauber sich zu ihm umdrehte. Die Piloten wackelten mit der Maschine mal hin und her, dann winkte sie alle nochmals kräftig, dann stieg der Hubschrauber nach rechts in die Höhe. Der Mann neben Richard fand das gar nicht so schön, denn soviel Staub hatte er schon lange nicht mehr in die Augen bekommen. „Mein Name ist Franz Meier, ich bin vom BKA. Mein Auto steht dort vorne,“ rief der Mann. Richard folgte ihm. „Ich bin der Einsatzleiter. Ich erzähle ihnen erst einmal, was sie wissen müssen!“ fing er an, als sie mit Blaulicht und Martinshorn losfuhren. „Nein, bitte nicht!“ bat Richard sofort. Herr Meier stutzte: „Wie meinen sie das?“ „Ich möchte keine Informationen.“ „Aber guter Mann, davon kann ihr Leben gleich abhängen.“ „Mein Leben hängt nicht von Informationen ab, sondern davon, dass ich hell wach bin,und sehr schnell mich auf alles einstelle, was passiert.“ Herr Meier wusste zuerst gar nicht, wie er reagieren sollte. Dann reagierte er: „Guter Mann, ich habe zwar mit euch Burschen noch nie zu tun gehabt, aber wenn sie auf den Tatort wollen, dann bitte ich sie nicht nur, sondern dann verlange ich von ihnen, dass sie informiert sind!“ Richard spürte, dass es jetzt zum Machtkampf gekommen war und schwieg. „Wenn nicht, dann lasse ich sie ganz bestimmt nicht in die Bank, denn noch einen Irren mehr da drinnen, dass Risiko gehen ich ganz bestimmt nicht ein.“ Da kamen sie an die ersten Sperren. Seine Leute machten ihm sofort den Weg frei. Er stellte auch ganz schnell das Martinshorn ab. Die Menschenmasse starrten ins Auto. Richard grüßte sie alle: „Grüß Gott!“ „Ich würde ganz bestimmt keinen von denen grüßen!“ motzte Herr Meier wieder los,denn ihm ging dieser Bruder langsam auf die Nerven. „Die wollen sich doch alle nur am Leid der anderen aufgeilen, diese Aasgeier.“ Richard grüßte weiter und sagte: „Es sind Menschen, wie sie und ich. Sie sind nur hier, weil sie alle etwas suchen und hoffen, es hier zu finden.“ Der gute Mann schrie auf: „Was suchen? Ich kann ihnen sagen, was die suchen. Die suchen Sensationen,spritzendes Blut, Kugelhagel, das suchen die.“ Richard öffnete die Tür und meinte beim Aussteigen: „Ja, das suchen wir alle hier!“ Franz Meier erstarrte.„Wie meinen sie denn das?“ schrie er Richard hinterher, der sich gerade an den Deckungen der Scharfschützen vorbei quetschte. „Franz, um Gottes Willen, lass den Mann die Ruhe.“ bat ihn sein Partner, der ihn hinter die Deckung zog. „Ich ihm die Ruhe lassen. Ich kann dir sagen, was ich mache, der geht mir keinen Schritt mehr weiter.“ „Lass ihn, der ist sowieso gleich ein toter Mann, oder willst du dich jetzt auch da vorne abknallen lassen?“ Herr Franz Meier sah Richard mitten auf dem leeren Platz vor der Bank stehen. Nein, da wollte er sich ganz bestimmt nicht hinstellen. Da hatte sein Kollege recht. Wozu sollte er sich über einen Mann aufregen, der sowieso bald ein toter Mann war. Richard blieb mitten vor der Sparkasse stehen und rief: Ich bin ein Friedensstifter. Mein Name ist Richard!“ Nichts passierte, nur das alle ihren Kopf noch mehr hinter den Deckungen einzogen. „Ich ziehe mich jetzt aus!“ schrie Richard und zog seine Klamotten aus. Da grinste Franz nur hämisch los: „Was soll denn das jetzt?“ Sein Partner meinte trocken: „Wir nennen das, den Totenstrip. Die wollen, dass der Feind sieht, dass sie nichts zu verbergen haben.“ Richard stand nackt auf weiter Flur. „Ich bin jetzt nackt!“ dabei drehte er sich einmal um die eigene Achse, so das jeder alles sehen konnte. Aber keiner lachte. „Ich ziehe jetzt meinen Overall an!“ brüllte er wieder. Langsam holte er sich seinen weißen Overall aus dem Rucksack heraus und zog ihn an. Richard war die ganze Zeit am Schlottern. War es die Kälte oder war es die Aufregung, es war ihm jetzt egal. Jetzt als er fertig war, da fühlte er sich schon sehr ruhig. Er machte ein Kreuzzeichen und schrie ganz laut: „Ich gehe jetzt auf den Haupteingang zu.“ Er ging zur großen Tür hin. „Ich komme jetzt ins Haus.“„Machen die das immer so?“ fragte Franz seinen Partner und wollte schon kopfschüttelnd loslachen, denn die Brüllerei von Richard kam ihm jetzt so albern vor. Der nickte nur. Richard stand vor dem Haupteingang. Die erste Tür war verschlossen, aber die daneben ließ sich aufziehen. „Ich gehen jetzt hinein!“ schrie Richard. Und als er hineinging, da gingen alle anderen noch tiefer in Deckung. „Ich bin jetzt im Vorraum“ Richard schaute sich um, niemand war zu sehen. Das waren immer die Momente, wo ihm fast das Herz aus dem Leibe sprang. Erst wenn er jemanden sah, ging es wieder besser. Da fiel ihm die Liederzeilen ein: Freue dich und singe. Und tatsächlich, ein Lächeln huschte über sein Gesicht und brachte ihn gleich auf den Gedanken: „Ei, wo sind sie denn?“ Da fing er an zu lachen. Dann aber wieder ernst, brüllte er, wie der Nachtwächter die Stunde ansagte: „Ich gehe jetzt in die Schalterhalle.“ Richard schob die Türe auf und trat ein. Niemand war zu sehen. Überall waren Papiere auf dem Boden und dazwischen auch Geldscheine. „Ich bin jetzt in der Schalterhalle.“ Richard schritt durch die Halle. Da lagen wirklich auch Geldscheine auf dem Boden. Richard ahnte nichts gutes. Da sah er an der Seite die offene Tresortür. Überall waren die Schubladen herausgerissen und lagen herum. „Uih, die haben sich aber bedient,“ sprach er so vor sich hin und fügte noch hinzu: „Hoffentlich hat es gereicht. Denn ich habe heute überhaupt nichts bei mir.“ Sein Kichern tat ihm wieder gut. „Ich gehe jetzt ins Treppenhaus.“schrie er, als er die Tür aus der Schalterhalle aufschob. Dann stand er im Treppenhaus.„Ich bin jetzt im Treppenhaus.“ Gerade aus ging es hinaus. Rechts und links gingen die Treppen nach oben und eine nach unten. „Gehe ich runter oder hoch?“fragte er sich selbst. „Ich gehe jetzt die rechte Treppe nach oben,“ brüllte er und stapfte die Stufen hinauf. War das jetzt wirklich die rechte Treppe oder war es die linke? Richard hatte schon immer Schwierigkeiten mit rechts und links gehabt. „Ich bin jetzt auf der Treppe.“ Da kam er auf den ersten Treppenabsatz und sah oben den Gang. Es tat einen Schlag, und die Tür oben flog auf. Ein Mann kam angestürmt. Hielt vor der Treppe abrupt an und schrie keuchend: „Bist du der Friedenstyp?“ Richard Herz rutschte ihm in die Hose, als er die Augen des Mannes sah. Der Mann war außer sich, ganz irre zitterten seine Augen hin und her. Das sah nicht gut aus. Richard nickte. „Fahr zur Hölle, du Irrer!“ zischte der Mann, hob seine Waffe und feuerte. Es klatschte richtig in Richards rechter Schulter. So als hätte ihm jemand einen Schlag darauf gegeben.Richard wusste genau, er war getroffen. Es hatte ihn wieder einmal erwischt.„Prima!“ schrie Richard fast wütend auf. „Du hast mich...“ Der Mann zielte kurz und feuerte erneut. Diesmal traf es Richards andere Schulter. Das krachte so laut in ihn hinein, dass er gar nicht mehr merkte, wie er an die Wand flog und auf den Boden sackte. Richard wusste instinktiv, dass es gleich vorbei war. Schnell presste er noch heraus: „Wieso?“ Schon stand der Mann vor ihm. Er stank nach Schweiß und wer weiß sonst noch was. „Wieso was?.“ schnauzte er ihn an und sein widerlicher Raucheratem klebte in Richards Gesicht. Richard nahm all seine Kräfte zusammen: „Du hättest mich töten können?“ „Das kann ich ja immer noch, du Penner.“ Richards Schultern meldeten sich mit solch einer Wucht, dass es ihm schwindlig vor Augen wurde. Richard versuchte sich zu orientieren und rief: „Es geht um dich hier. Alles dreht sich um dich hier. Und nur um dich!“ Da rammte der Mann seine Kanone ihm in den Mund. Die Schwarzpulvergase breiteten sich wie ein Lauffeuer in seinem Munde aus. „Nein, es geht nie um mich, und jetzt geht es um dich!“ sabberte der Mann ihn an. Dabei quollen seine Augen noch mehr auf. „Ich bin doch scheiß egal. Von solchen Typen wie mich, gibt’s ein ganzes Kloster voll!“ Beinahe hätte Richard vor Schmerzen auf geschrien, durch die Pistole in seinem Mund bekam er kaum noch Luft. Der Mann starrte ihn wie besessen an. „Wie heißt du?“ drückte Richard so klar wie möglich heraus. Der Mann starrte ihn immer intensiver an. „Was?“ schrie er und fuchtelte mit seiner Pistole in Richards Mund herum, das die Zähne nur so krachten. „Wie heißt du? Deinen Namen?“ „Joachim!“ brachte er schon fast erschrocken heraus. „Gut, Joachim.“ Beinahe hätte Richard gehustet, dann wäre alles vorbei gewesen, sowie er die Schmerzen einschätzte. „Ich rette deine Haut!“ donnerte Richard so befehlshaft heraus, wie er nur konnte. Da lachte der Mann, zog seine Kanone aus Richards Mund: „Du willst meine Haut retten, du kannst ja noch nicht einmal...“Richard sah den Kopf des Mannes nach vorne schnellen und ein Schwall warme Soße flog ihm mitten ins Gesicht. Als der Mann vor ihm zusammen sackte, merkte Richard erst, dass ihm das halbe Gesicht fehlte. Da war auch ein Knall gewesen, von oben kam der her. Und schon kamen die Polizisten von oben die Treppe hinunter gestürzt. Der erste sprang sofort zu dem Mann und checkte ihn: „Wir haben ihn, er ist tot.“ Überall lief Blut, teilweise wie aus einer Quelle sprudelte es aus dem Körper des Mannes. Die Polizisten kamen von allen Seiten auf sie zu. „Sind sie verletzt?“ fragte ihn der Polizist. Richard wusste nicht,was er darauf sagen wollte. „Der Friedensmensch lebt, aber es hat ihn schwer erwischt. Schickt die Sanitäter her.“ Dann drehten sie den Mann langsam auf den Rücken. Aber Richard verstand immer noch nicht, was passiert war. Die Sanitäter kamen angelaufen, der eine kniete sich vor ihm, dann verbanden sie so gut es ging. Er legte sich dann noch auf ihre Trage, und los ging es. Als sie nach draußen eilten, kamen ihn Herr Franz Meyer und sein Partner entgegen. Sie sahen Richard und Franz meinte zu ihm: „Na, Friedensmensch. Das hätten sie sich alles schenken können, wenn sie sich richtig informiert hätten. Wir wussten, dass wir es hier mit einem Irren zu tun haben. Ich danke ihnen trotzdem, dass sie den Mann von den Geiseln weg gelockt haben. Aber tun sie sich bitte und uns beim nächsten Male den Gefallen, lassen sie sich vorher schlau machen. Sonst geht es beim nächsten Male vielleicht noch schlimmer ab.“ Richard hörte seine Worte, aber da gingen bei ihm irgendwie schon die Lichter aus. Er wollte noch etwas sagen,aber da war schon Schluss. Die Sanitäter setzten ihn sofort ab und kümmerten sich um ihn. Da kam auch der Notarzt angerannt. Die beiden Polizisten gingen zur Treppe. „Hoffentlich hat der das jetzt kapiert.“ „Franz, wir haben den Typen, und das ist das wichtigste.“ „Ja, da hast du recht.“ Sie kamen zu der Leiche. „Mein Gott, was für eine Sauerei!“ erschrak sein Partner. Franz kniete sich vor dem Opfer und meinte: „So sieht es halt aus, wenn man keine Ahnung von Frieden stiften hat!“


 

Der Neue

Christian sah aus dem Fenster seines Zugabteils. Die Bäume huschten nur so an ihm vorbei. Da endlich lag es vor ihm, das Kloster mit der endlos hohen Mauer vor dem gewaltigen Bergrücken. Man nannte diese Mauer, das Mosaik des Lebens. Denn überall waren in der Mauer Fenster, die Nachts wie das Mosaik eines Lebensbaumes leuchteten. Da hielt auch schon der Zug in dem kleinen Bahnhof des Ortes. Christian nahm seinen Rucksack und die Tasche und kletterte heraus. Der provisorische Bahnsteig war leer. Schon kamen in Christian doch immer mehr die Gefühle von damals auf. Es war so ähnlich, als er vor über 30 Jahren zum Wehrdienst eingezogen wurde. Da warteten aber die Feldjäger auf ihn, hier aber wartete niemand. Das Kloster war nicht zu verfehlen, die Kaserne von damals im Wald war es schon. Durch den Ort führte die Straße immer bergauf. Die Menschen gingen an diesem Morgen ihrer Arbeit wie gewohnt nach. Christian tat es gut, ihnen etwas über die Schultern zu sehen. Als er den Parkplatz vor dem Kloster erreicht hatte, sah er schon das große Tor. Da stand jemand davor. Als Christian näher kam, kam der Mann auf ihn zu. „Schön, dass du hier bist. Ich bin Bruder Richard.“ Christian strahlte über beide Backen und reichte dem Mann die Hand. „Ich bin Christian. Danke für die schöne Begrüßung! Hast du schon lange auf mich gewartet?“ Denn, wann er heute kommen sollte, war ihm alleine überlassen worden. Soweit er sich erinnern konnte, wusste das auch niemand. „Ja,ich freue mich schon lange auf dich.“ Christian hielt inne und schaute den Mann von der Seite an: „Du hast dich gefreut?“ „Ja, ich freue mich, denn ich bin dein Schutzengel.“ „Oh!“ hielt Christian inne. „Du bist ein Engel.“ Richard nickte etwas vorsichtig. „So ein richtiger Engel?“ fragte Christian nochmals nach. „So von oben, vom Himmel?“ „Na ja. Wäre schon schön, aber ich glaube, ich bin mehr so etwas, wie ein erdgebundener Engel. Glaubst du denn an Engel?“ Da traten sie ins Tor auf den Hof. „Ja, ich glaube schon. Früher habe ich mich mal vor Geistern gefürchtet. Dann habe ich gelernt, dass es keine Geister gibt. Und dann habe ich wieder jahrelang dazu gebraucht, zu akzeptieren, dass es doch so etwas gibt. Ja, an Engel glaube ich gerne.“ Richard blieb stehen und lachte dann: „Ich sehe schon, du passt prima zu uns.“ Da lenkte er in den Hof hinein zu der kleinen Menschenansammlung. „Lege deine Sachen da hinter die Tür. Ich möchte mit dir zusammen bei der Führung da vorne mitmachen. Da komme ich wenigstens mal auch mal im Kloster dort hin, wo ich sonst nie hinkomme. “Richard ging schnell zum Kiosk und kaufte Karten. „Was kriegst du von mir?“fragte Christian gleich ordentlich. „Lass stecken, das ist die große Führung, und du bist eingeladen.“ Sie gesellten sich zu den anderen Touristen. Da ging die schwere Seitentüre auf und ein Koloss von Bruder trat heraus. „Wau, es ist Bruder Benedikt. Der ist der Beste!“ jubelte Richard neben Christian, der das ganze etwas verwirrend fand, jetzt so als Tourist das zu sehen, wo er den Rest seines Lebens verbringen wollte.


 

Die große Führung

„Alles zu mir, wer die große Führung gebucht hat!“ donnerte Bruder Benedikt Stimme über den Platz. „Nur die große Führung, die anderen warten weiter geduldig am Kiosk.“ Dann stellte er sich an dem kleinen Gartentörchen auf und riss die Eintrittskarten ab. Als Richard seine Karte hinhielt, da verzog der Hüne sein Gesicht: „He, was willst du denn hier?“ Richard schaute ihn mit seinen großen Augen an und meinte: „Ich habe eine gültige Eintrittskarte für die große Führung, und der da auch!“ Dabei deutete er auf Christian hinter sich. „Ah, der Neue, na dann schaut euch mal alles genau an. Das gilt auch für die anderen. Schaut euch alles an, und fragt um Gottes Willen, fragt bitte alles.“ Das donnerte er so laut über den Platz, dass es von den Klostermauern hallte. „Das Gemäuer wurde gebaut, um Menschen einzuschüchtern. Deshalb sieht man schon von weitem die hohe Klostermauer. Und damit allen klar ist, das hier alles, war nicht schon immer ein Kloster, sondern es war ein riesiges Bollwerk,dass mit seinen Scharfschützen den Tod bringen sollte. Und zwar allen, die das Tal durch querten.“ Da bei lachte er ganz laut auf, dass er schon fast jedem ein wenig irre vorkam. „Der Fürst Broderwisch wollte jeden in diesem Tal dem Tode näher bringen. Das Tal sollte mit toten verwesenden Körper aufgefüllt werden. Aus dem ganzen Land hatte er zu diesem Zweck Scharfschützen angeheuert,die nichts anderes hinter ihren Fenster zu tun hatten, als auf alles zuschießen, was sich da bewegte.“ Da blieb er oben am Hang stehen und sah auf die Gruppe herab. „Und was passiert mit solchen Menschen, die so etwas wollen, na?“schoss er die Frage in die Gruppe, und alle zogen sie den Kopf ein. „Er wurde krank, schwer krank. Und nicht nur das er auch krank wurde, er holte auch noch uns. Meine Brüder hielten Einzug in diesen Gemäuern, sie retteten den Fürst und bekamen das lebenslange Recht, sich hier sich nieder zu lassen.“ Da fragte doch spontan der junge Mann, als Student zu erkennen: „Haben sie das Recht bekommen bevor oder nach dem sie sein Leben gerettet hatten?“ Bruder Benedikt lächelte verschmitzt: „Das kann ich ihnen so nicht beantworten. Aber ich frage sie, wer hat denn gesagt, dass wir sein Leben gerettet haben?“ „Das stimmt!“ nickte die ältere Frau mit den rötlichen Haaren und ergänzte: „Sie, Hochwürden haben nur gesagt, sie hätten den Fürst gerettet.“ Der junge Mann schüttelte resignierend den Kopf und wollte weiter gehen. „Halt!“ schrie der Mönch den Mann an: „Was war nun wirklich Frage?“ Der junge Mann blieb angewidert stehen und sah Bruder Benedikt mitleidig an: „Wenn sie es genau wissen wollen, ich hatte gefragt, ob sie das Recht vor oder nach seiner Rettung bekommen haben. Aber wie die Frau schon meinte, sie haben ja gar nicht sein Leben gerettet. Also müsste ich jetzt brav fragen, was sie wohl dann gerettet haben?“ Und das leierte er besonders gelangweilt vor sich hin. „Wir haben seine Seele gerettet!“ donnerte Bruder Benedikt immer noch im stolzen Ton heraus. „Prima, und jetzt nochmals zu meiner Frage, haben sie jetzt das Recht vor der Rettung seiner Seele oder nach der Rettung seiner Seele bekommen?“ Bruder Benedikt lächelte den Student an und meinte: „Er hat uns das Recht zum hier niederlassen gegeben, um seine Seele zu retten.“ Da schaute ihn der junge Mann so richtig arrogant an und meinte: „Na,das dachte ich mir schon.“ Bruder Benedikt ließ seine Augen auf seinem Gesicht ruhen und fragte schon fast zärtlich: „Was wollen Sie wirklich von mir?“ „Ich von ihnen?“ presste der junge Mann wie bei einem Duell heraus: „Nichts!“.„Nochmals, was wollen sie wirklich von mir?“ Richard neben Christian zog den Kopf ein. „Nichts, gar nichts, Bruder..., Dingsda.“ Da holte Bruder Benedikt tief Luft. Richard schaute Christian an und steckte sich die Finger in die Ohren. „Dann geh mir aus den Augen. Und komme erst wieder,...“ dabei holte er noch mal tief Luft und brüllte dann weiter, „komme erst wieder, wenn du weißt,was du wirklich von mir willst. Hier, nimm deine Silberlinge und geh, geh...“ Die Leute erstarrten. Der junge Mann bekam sein Geld in die Hand gedrückt und ging kopfschüttelnd lächend von dannen. Denn Bruder Benedikt machte keine Anstalt,dass er es nur so aus Spaß gesagt hätte. Da drehte er sich wieder zur Gruppe um und meinte: „Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten, solange sie etwas von mir wollen. Wenn sie nichts von mir wollen, dann gehen sie lieber gleich mit dem Herrn mit. Denn meine Führung dauert ewig und drei Tage.“ Dabei zwinkerte er lustig Christian mit den Augen zu. Alle blieben, und sie marschierten wie die Enten hintereinander den Gartenweg hinauf. „Was wollte denn der Mann wirklich sagen?“ fragte Christian Richard: „Christian, wie soll ich das wissen,wenn es der Mann noch nicht einmal gesagt hat.“ Die Lektion hatte Christian jetzt schon gelernt. „Als Festung taugte die Anlage nichts, denn die Gärten hier ziehen sich noch den ganzen Berg hinauf, und waren nicht sinnvoll zu befestigen. Nur die Fassade war da, um den Angreifer abzuschrecken. Also so nach dem Motto, vorne hui, hinten fui.“ Da lachte der große Bruder los, und Christian war schon fasziniert von diesem schnellen Stimmungswandel. Da war ein Weg gesperrt mit einem Schild. Bruder Benedikt nahm den anderen Weg und alle kamen am Schild vorbei. Auf dem Schild las Christian, nur für Sterbende. Als der letzte der Gruppe an dem Schild vorbei kam, hielt Bruder Benedikt die Handhoch und rief: „Halt. Meine Damen und Herren, hier wären wir nun am Ende unserer etwas kurzen Führung. Ich danke ihnen, dass sie mit mir nur ein Stück des Weges gegangen sind.“ Da waren alle doch überrascht. Richard grinste wieder neben Christian. Aber Bruder Benedikt fuhr fort: „Aber ich kann es nicht verantworten, mit ihnen auch nur noch einen Schritt weiter zu gehen.“ Da fragte die rothaarige Frau kleinlaut: „Aber wir haben doch gar nichts gemacht?“ „Nichts gemacht, aber genau das ist es. Sie haben alle nichts gemacht. Und das kann ich nicht länger verantworten. Ich habe ihnen am Anfang ganz deutlich gesagt, fragen sie mich. Habe ich das, oder habe ich das nicht?“ fragte er in die Gruppe. Alle nickten betroffen. „Und warum fragen sie nicht?“ „Ja, was sollen wir denn fragen?“ meinte da die rothaarige Frau wieder. Da ging Bruder Benedikt an ihnen alle vorbei, griff nach dem Schild und hielt es hoch. „Was steht da?“„Nur für Sterbende!“ las der Herr ganz vorne vor. „Wer von ihnen hat schon mal so ein Schild gesehen?“ Alle schüttelten sie den Kopf. „Christian, hast du schon mal so ein Schild gesehen?“ fragte Bruder Benedikt Christian ins Gesicht.„Nein, noch nie!“ „Und warum fragst du dann nicht?“ Christian lief puder rot an und stammelte: „Weil ich Angst hatte?“ Da lachten einige, weil sie die Antwort süß oder so naiv fanden. Bruder Benedikt beugte sich ganz liebevoll zu ihm herunter und fragte: „Und wovor fürchtest du dich?“ Da spitzten alle die Öhrchen, denn keiner konnte sich so richtig vorstellen, wovor man sich bei so einem Schild fürchten könnte. „Ich fürchte mich vor dem, der da am sterben ist.“ Christians Stimme zitterte, als er das so herausbrachte. Bruder Benedikt nickte langsam mit dem Kopf und meinte leise: „Ich ahne, du bist schon längst einer von uns.“ Und ganz laut für alle rief er: „Einen Sterbenden zu sehen.“ Die Gruppe glaubte immer noch nicht so recht. „Und weil sie an dem Schild alle vorbei gegangen sind, ohne zu fragen, endet hier die Führung. Oder...“ Da sahen sie ihn alle flehend an, und sogar Christian rutschte es heraus: „Bitte, Bruder Benedikt!“ Da sah der Große zu ihm herab und meinte nickend: „Oder wir sehen uns jetzt einen Sterbenden an. Und du, Christian, bekommst genau das, wo vor du dich so fürchtest.“ Das hatte er Christian mitten ins Gesicht gesagt. „Der ist aber empfindlich!“ meinte leise Christian zu Richard. „Ja, das ist er. Er hat aber dafür sehr hart an sich arbeiten müssen!“ Das war dann die zweite Lektion,die Christian gelernt hatte.

 

Bruder Bruno

Es war ganz still geworden in der Gruppe, als sie den Garten bergauf gingen. Oben an der Kreuzung hielt Bruder Benedikt an und verkündete: „Unser Bruder Bruno hat sich heute morgen von uns verabschiedet, seine Decke genommen und sich nicht weit von hier auf seinem Lieblingsplatz zum Sterben hingelegt. Wenn er bis zum Dunkelwerden nicht gestorben ist, dann rollt er seine Decke wieder zusammen und kommt zu uns zurück mit den Worten: Heute war kein guter Tag zum Sterben.“ „Ja, aber warum will er denn sterben? Der könnte doch mit seinem Leben noch so viele andere Leben retten?“ „Danke, für ihren Mut zu fragen.“ nickte Bruder Benedikt dem Mann zu. „Unser Bruder rettet keine Leben mehr, denn dazu braucht man viel Kraft und viel Stärke von außen. Unser Bruder hat bei unzähligen Einsätzen sein Leben hingegeben, sein Körper können sie schon fast als Schweizer Käse ansehen. Er ist Gesund und guter Dinge. Aber bitte fragen sie ihn doch selbst, da vorne liegt er.“ Alle starrten sie auf die kleine Wiese. Da lag er auf einer wunderschönen Decke. „Die ist aber schön. So was schönes, habe ich ja noch nie gesehen.“ staunte da eine Frau, und bekam die bösen Blicke der anderen zugeworfen. Kaum waren sie in seiner Nähe, da hörten sie seine krächzende Stimme: „Bruder Benedikt, was führt dich zu mir?“ „Meine Rolle als Fremdenführer, ich habe dir ganze Menge Fremder mitgebracht.“ sagte er liebevoll lächelnd. „Gut“, antwortete Bruno kurz. „Begleiten sie mich ein Stück meines Weges ins Diesseits.“ Da schauten sie sich alle an und setzten sich vorsichtig um die Decke herum. Still war es im Garten, und wenn nicht ein paar Vögel gezwitschert hätten, wäre es richtig unheimlich gewesen. „Sie sehen aber gar nicht so sterbend aus?“ fragte endlich die Rothaarige. Bruder Bruno ließ die Augen zu und antwortete: „Stimmt, denn normaler Weise stirbt man an seinen Leiden oder an seinem Schmerzen oder seinem Alter oder was weiß ich noch alles. Nur aus...“ da machte er eine lange Pause und fuhr fort, „nur aus Freude, sterben die wenigsten. Ich bin gesund und putz munter und freue mich halt, hier und jetzt zu sterben.“ Da sahen sie das neckische Lächeln über sein Gesicht fliegen. „Aber meine Augen möchte ich weiterhin geschlossen lassen, bitte haben sie Verständnis dafür.“ Da nickten sie gleich alle ganz heftig, und Bruder Benedikt lachte leise auf. „Bruder Benedikt, was amüsiert dich so?“ fragte Bruno ihn sofort. „Ich habe mich gefreut, dass du noch um ihr Verständnis gebeten hast, und wie sie dann alle so brav genickt haben. Daran siehst du die Durchsetzungskraft eines Sterbenden.“ Dabei lachte Bruder Benedikt wirklich los. Bruno blieb ruhig, aber auch er lächelte. Christian war es gar nicht so zum Lachen zu mute. „Wieso wollen sie ausgerechnet heute hier sterben?“ fragte Christian ihn messerscharf. „Gut, diese Stimme zu hören. Du bist Christian.“ Da starrte Christian zuerst Richard an und dann Bruder Benedikt. „Ja!“ kam da nur noch bei ihm heraus. „Du kommst, und ich gehe, das ist gut.“ „Das ist gut?“ fragte entsetzt Christian und alle starrten ihn an.„Ja, das ist gut. Denn jetzt ist der Kreis geschlossen. Jetzt erst freue ich mich vom ganzen Herzen, heute noch vor meinen Schöpfer zu treten, und ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen.“ Da schaute der eine Herr in die Runde und fragte dann endlich: „Und wenn da aber kein Schöpfer ist?“ Da fing Brunos Körper an zu vibrieren und leise hörte man ein Kichern, dass breiter und breiter in seinem Gesicht wurde. „Ja, wenn sie das bis zum Sterben nich twissen, dann sollten sie das mit dem Sterben lieber noch etwas verschieben. Denn wenn da für sie nichts mehr ist, dann hat der Tod für sie leider nur noch einen einzigen Sinn!“ Wieder kicherte Bruno los. Der Herr starrte wie hypnotisiert Bruno an. Der meinte nach einer langen Pause mit klarer Stimme: „Sie wollen jetzt von mir den einen einzigartigen Sinn hören?“ Wieder kicherte Bruno los. Christian erschrak, als er auch Bruder Richard und Benedikt auch grinsen sah.„Sie wollen von mir den Sinn hören, und dabei wissen sie ihn doch selber schon längst.“ presste Bruno heraus. Der Herr war immer noch starr, schaffte es aber dann doch, den Kopf zu schütteln. „Na gut, dann helfe ich ihnen auf die Sprünge. Wenn mit dem Tod alles aus ist, dann ist das der Sinn des Todes. Alles zu beenden. Wenn sie es aber in ihrem Leben, mit ihrem Körper und Geist es schon nicht geschafft haben, irgend etwas zu beenden. Wieso glauben sie dann, es mit ihrem Tod beenden zu können?“ Da hatte er den Herrn so getroffen, dass dieser sofort los pollterte: „Ich habe noch nie etwas beendet in meinem Leben, dass ich nicht lache. Sie glauben ja gar nicht, wie viele Menschen ich schon verloren habe. Und die waren Tod, und da ging überhaupt nichts mehr weiter.“ Da lachte Bruder Benedikt so laut los, dass der Herr puder rot im Gesicht anlief. Richard hatte sich nach hinten weg gedreht und grinste sich auch einen ab. Christian fing an sich für seine neuen Kollegen zu schämen, ihm kam diese Lachen so aufgesetzt vor. Bruder Benedikt sah den Herrn liebevoll an und sagte:„Ja, das ist so. Wenn ein Mensch stirbt und tot ist, dann ist alles zu ende. Aber nur für den, der an das Nichts nach dem Tod glaubt. Der an das weiter nachdem Tod glaubt, für den lebt der andere weiter.“ Bruno meldete sich wieder, aber mit einer auf einmal kraftlosen Stimme: „Ich war die ganze Zeit hier, jetzt bist du, Christian, hier. Du schläfst heute Nacht in dem Bett, in dem ich noch gestern geschlafen habe. Du übernimmst meinen Platz, den ich gestern noch hatte. Christian, mit dir geht alles weiter, mit mir endet nichts. Das sehe ich, das spüre ich, und daran glaube ich. Alles geht weiter, bis in alle Ewigkeit, Amen!“ Da war es wieder still um sie geworden, nur die rothaarige wurde unruhig. „Eine Frage hätte ich da noch?“ meinte sie, und alle sahen sie gespannt an. „Was war für sie das wichtigste in ihrem Leben?“ Wieder vibrierte Brunos Körper, und er kicherte mit einer so kindlichen Stimme los: „Sie fragen nach dem WAR. Genau das ist es. Das es WAR, ist das wichtigste in meinem Leben. Was sein wird,ist dann auch wahr, oder meine Vergangenheit und das ist für mich sicher und das wichtigste. Das jetzt, jetzt in der Stunde meines Todes spüre ich es, wie noch nie zuvor. Freude!“ Da saßen sie noch lange an seiner Decke, keiner wusste so recht, wie es jetzt weiter gehen sollte. „Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden hinterlasse ich euch,“ sang Bruder Bruno fast schon und ernst fügte er noch hinzu: „Gehet hin in Frieden!“ Wie aus der Pistole geschossen, kam bei einigen: „Dank sei Gott dem Herrn!“ Alle nahmen sie irgend wie Abschied von diesem Mann. „Gott sei mit dir!“ meinte Christian noch zu ihm. Im Weggehen hörte er noch Bruno flüstern: „Gott ist mit dir, Christian!“ Da tat es Christian leid, dass er ihm nur das SEI gewünscht hatte.


 

Das Klostergemäuer

Als sie den Garten verlassen hatten und den Hof betraten, fragte Christian: „Sterben so viele hier bei euch?“ „So wie Bruno?“ fragte Richard ihn zurück. Christian nickte. „Nein, die meisten kommen irgendwie nicht dazu!“antwortete Richard. Christian starrte ihn an. Sollte er da noch nachfragen,oder hatte er vom Fragen schon die Nase voll. Christian fragte nicht, und sie folgten Bruder Benedikt die Treppe hoch zur Mauer. „Hier oben sehen sie gut, wie das Wasser die Rinne hier auf der Mauer entlang fließt. Das Wasser kommt aus einer Quelle im oberen Teil des Gartens, und fließt dann in die Öffnungen hier hinein.“ Da gingen sie oben auf dem Mauersims weiter entlang und hatten einen herrlichen Blick ins Tal hinunter. Christian sah das Wasser sich durch die Rinne schlängeln. „Warum fließt das Wasser in solchen Schlangenlinien?“fragte er von seiner Ingenieurs Neugierde getrieben. Bruder Benedikt sah ihn lächelnd an und verkündete da allen: „Da haben sie aber Glück gehabt, dass sie heute so jemanden, wie ihn dabei haben. Denn der fragt wenigstens.“ Da platzte dem Herrn im Trenchcoat doch der Kragen: „Jetzt seien sie doch nicht immer so empfindlich, wir können doch nicht wegen, wegen...“ Da fiel ihm auf einmal das passende Wort nicht ein. Er überlegte fieberhaft, aber es kam nichts über seine Lippen. Verzweifelt sah er Bruder Benedikt an, und dann kam es endlich: „Gut,warum fließt das Wasser da so in Schlangenlinien?“ wiederholte der Mann starr die Frage, um sich zu retten. Bruder Benedikt grinste ihn an und meinte: „Das hat was mit dem Strömungsverhalten des Wassers zu tun. Je mehr Wasser durch die Rinne läuft um so mehr wird es nach außen geschleudert, und um so mehr fließt durch die einzelnen Löcher. Wenn ganz wenig Wasser fließt, dann kann nur wenig in jedes Loch fließen.“ Christian staunte nicht schlecht, als Bruder Benedikt mit der Hand das Wasser staute, und gleich überall weniger Wasser in die Löcher floss. „Und warum muss da in die Löcher Wasser hinein?“ fragte beherzt die Dame am Ende. Bruder Benedikt strahlte die Dame an und erklärte: „Das ist einer der ältesten bekannten Klimaanlage in Europa. Damit wurde im Winter geheizt, und im Sommer gekühlt.“ Da drehte er sich zu Christian hin und zwinkerte ihm zu: „Tut doch mal ganz gut, so ein bisschen Technik zwischen all dem Menschlichen.“Christian erinnerte sich da an den sterbenden Bruder Bruno und nickte dankbar.„Die unter uns liegenden Zimmer wurden richtig mit fließendem Wasser versorgt und zwar so, dass die damals schon so etwas, wie eine Badewanne hatten.“ „Wofür denn das?“ fragte der Herr entsetzt neben Benedikt. „Der Graf war selber ein Scharfschütze und wusste, was es heißt, den ganzen Tag auf der Lauer zu liegen.“„Ach, dann war das so was, wie eine Erfrischung,“ polterte die Rothaarige los.Bruder Benedikt nickte und lachte los: „Ja, um ihr schlechtes Gewissen zu erfrischen!“ Die anderen sahen ihn alle sehr kritisch an, so das er schnell noch etwas hinzu fügte: „Von unten kommt heiße Luft, von oben kommt das kalte Wasser, und wie sie wissen, kann man mit feuchter warmer Luft schneller wärmen,als mit trockener heißer Luft, Sauna oder Wüste. Genauso kann man mit kalter feuchter Luft schneller kühlen, als mit trockener kalter Luft, Schwimmbad oder Arktis.“ Das verstanden sie. Bruder Benedikt öffnete die Tür ,und es ging nach unten. „Da wir heute Christian bei uns haben, können wir uns auch einmal sein Zimmer ansehen. Denn normaler Weise sind die Quartiere sonst für jeden Fremdentabu.“ Sie standen alle in der großen Eingangshalle des Klosters. „Ich bitte sie jetzt alle ihre Schuhe und Strümpfe auszuziehen, denn alle Räumlichkeiten des Klosters dürfen nur barfuß betreten werden.“ „Warum denn das?“ rutschte es Christian sofort heraus. „Das ist angenehmer für den Körper, er baut damit Spannungen ab und schafft eine Sensibilität von der Sohle bis zur Haarspitze,“erklärte Bruder Benedikt. „Strumpfhosen auch?“ fragte die eine jüngere Frau etwas verzweifelt. „Ganz besonders Strumpfhosen, denn wie sie wissen, sind sie die einzigen Frauen in der gesamten Anlage. Da brauchen wir dringend ihre Fußabdrücke.“ „Ja, ja. Als ob in Frieden zu leben, immer eine reine Männerangelegenheit sei,“ protestierte die junge Frau weiter. „In Frieden leben, nein. Dazu brauchen wir Männer und Frauen. Aber zum Frieden hin führen,dass können Männer, aber genauso können es Frauen, aber am Besten unter sich.“„Und warum nicht zusammen?“ bohrte sie weiter. „Wie wollen sie zusammen fügen,was schon zusammen gehört und vor Gott zusammen ist?“ wollte Bruder Benedikt die Diskussion vorläufig beenden. Die junge Frau glotzte, denn das hatte sie jetzt nicht verstanden. Bruder Benedikt wartete noch, bis alle mit nackten Füßen waren. „Als ob das auf Erden so wäre?“ begehrte die Frau erneut auf. „Das ist es ja gerade. Hier auf Erden ist das nicht so. Hier regiert die Macht der Menschen. Die Macht aber, an die wir hier glauben, die kommt nicht von uns Menschen, die kommt von Gott . Und mit dieser Macht können sie nicht das zusammen fügen, was Menschen einfach nicht fügen wollen.“ Bruder Benedikt hätte jetzt noch viel zu sagen gehabt. Aber der Holzboden fühlte sich warm und weich an, dass ein Raunen durch die Gruppe ging. Denn solch ein Gefühl hatten sie nicht erwartet. Fast wie ein Fell waren die Holzfasern gekämmt, und Schritte waren nicht zu hören. „Und wie reinigen sie so einen Boden?“ fragte die Rothaarige, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Wir bürsten den Boden,deshalb ist der auch so flauschig.“ „Ja, und bei Schweißfüßen?“ fragte sie weiter. „Schweißfüße haben bei uns immer nur am Anfang die Besucher. Alle die hier länger wandeln, haben dann schnell herrlich frisch nach Holz duftende Füße.“ „Das ist doch aber Zufall?“ fragte da der Herr schnell. „Zufälle gibt es draußen, hier bei uns gibt es nur die Konsequenzen aus unserer Art zu denken und zu leben.“ Kaum waren sie am Ende des Flures angekommen, da spürte schon Christian, wie herrlich warm sich seine Füße anfühlten. So als seien sie massiert oder sonst wie gepflegt worden. „Das ist das dein Zimmer, Christian!“verkündete Bruder Benedikt stolz und öffnete die Tür. Alle drängelten sie neugierig hinein und standen in einem modernen Apartment. Das Bett fiel auf,dann der große Schreibtisch mit dem Computer, und Christian sah den wunderschönen Blick durchs Fenster hinunter ins Tal. Da machte Benedikt schon die Schränke auf und zählte auf: „Bettwäsche, Wolldecke, Klamotten, und Handtücher. Büromaterial, Ordner und Papier. Jedes unserer Zimmer hat einen Multimedia-Anschluss mit Computer, Drucker, DSL-Schnittstelle zum Internet,Kamera und Satelliten-Telefon und -Fernseher.“

 

Die Geldgeber

„Uih, und wer zahlt das alles?“ entfuhr es dem Herrn etwas neidisch.„Die Rüstungsindustrie und viele einzelne Waffenhändler, die bezahlen uns das hier alles, und das schon auf Dauer.“ Da erstarrten die meisten mit einem Male vor Entsetzen. Die Rothaarige fing sich als erste und fragte zögerlich: „Sie werden finanziert von den Geldern, die für Waffen ausgegeben werden?“ „Ja,natürlich. Denn wenn wir Frieden schaffen, dann braucht es weniger Waffen und weniger Geld fließt. Wenn es Krieg gibt, dann gibt es auch mehr Geld. So einfach ist das!“ Bruder Benedikts Stimme klang dabei so ruhig, als sei es das logischste auf der Welt. Die Rothaarige ließ nicht locker: „Und wie kommen sie an diese sogenannten Spender heran?“ „Wir treten nicht an diese heran. Die kommen alle zu uns“, sprach Benedikt und genoss die kleine Pause der Spannung.„Früher haben die Waffenhändler ihr Gewissen mit dem Glauben reingewaschen,dass Waffen in den richtigen Händen, Frieden oder Freiheit schaffen würden.Heute wissen die meisten, dass Waffen nur Tod und Vernichtung schaffen können.Da es aber in der Welt immer Menschen gibt, die Waffen haben wollen, bekommen sie auch Waffen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist ein in der freuen Marktwirtschaft so. Nur heute bezahlen die Menschen nicht nur für die Waffe zum Zerstören, sondern bezahlen auch für den Frieden zum Aufräumen.“ Die Leute starrten Bruder Benedikt an, sie konnten es nicht glauben. Der Herr brachte es raus: „Aber das ist doch Blutgeld?“ Bruder Benedikt blieb gelassen: „Blutgeld gibt es fürs Töten. Unser Geld gibt es für die Macht, die der Mensch hat, der eine Waffe trägt.“ „Aber ich bitte sie, das ist doch Pott wie Deckel!“ ließ der Herr nicht locker. „Jemanden umzubringen ist etwas anderes, als jemanden zu drohen. Wir bieten anstatt der Drohung, den Frieden an. Wir können nicht, mit friedlichen Mitteln jemanden vom Töten abhalten!“ „Aber eine Waffe ist doch immer eine Waffe, sie tötet.“ „Nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch tötet.Denn der Mensch genauso auch ohne Waffe töten.“ „Aber Tatsache ist doch, dass in Amerika viel mehr Menschen getötet werden, weil sich da jeder eine Pistole kaufen kann,“ konterte der Herr weiter. „Geht es da um den Kauf der Waffe, oder geht es da mehr um die Besessenheit der Menschen, zu glauben, der andere müsste genau das tun, was sie von ihm wollen. Und wehe ihm nicht, dann muss er ins Gras beißen.“ Dem Herrn schwoll der Kamm, aber ihm fiel nichts dazu ein. „Oder ist es sogar die Besessenheit der Menschen, zu glauben, dass sie nie das tun dürften, was der andere von ihnen will?“ „Besessenheit hin, Besessenheit her,Tatsache ist doch, das eine Waffe zum Töten da ist. Ob sie jetzt zur Machtdemonstration oder zur Hinrichtung gebraucht wird.“ „Die Waffe ist erst einmal ein Symbol, und das steht fürs Töten. Das Symbol kaufen die Menschen.Denn was glauben sie, wie viele Waffen gekauft werden, um nur einen bestimmten Menschen zu erschießen?“ Da zuckte der Herr mit den Achseln. Bruder Benedikt fragte gleich weiter: „Und wie viele Waffen werden gekauft, um dem anderen zu drohen,ihn zu zwingen, das zu tun, was man will?“ Der Herr wusste es nicht. Bruder Benedikt ergänzte: „Da wäre doch der Tot des anderen, nur der Beweis, dass sich jeder Mensch doch ändern kann. Auch wenn er vor seinem Tot noch so tat, als wolle er sich um alles in der Welt nicht verändern. Denn das zu tun, was der andere von einem verlangt, ist doch nichts anderes, als sich aktiv zu ändern!“Da schüttelte sich der Mann etwas, das war ihm jetzt alles ein bisschen zu viel,und er griff erneut an: „Da bewegen sie sich aber auf einem wackligen Boden!“„Aus ihrer Sicht gesehen, ja. Aus meiner Sicht gesehen, Nein,“ schoss Bruder Benedikt aus der Hüfte. „Meine oder ihre, das ist doch egal!“ zuckte der Herr nochmals auf. „Aus meiner Sicht gehe ich auf eine gezückte Pistole zu, während sie aus ihrer Sicht wahrscheinlich in Deckung gehen,“ meinte Bruder Benedikt ganz ruhig. Dem Herrn war die Kinnlade heruntergefallen. Bruder Benedikt beendete die Diskussion mit den Worten: „Soweit zur Sicht! Und hier ist er schon, meine Damen und Herren!“ Der große Ballsaal lag vor ihnen.

 

Der Ballsaal

Als sie den Saal betraten, sah es aus, wie auf einer Baustelle. Aber auch dort gingen die Bauleute barfuß. „Wir sind dabei, große Fenster einbauen zu lassen, deshalb können sie nicht viel von unserem Ballsaal sehen. Wir brauchen hier soviel Sonne und so viel Blick, wie es irgendwie nur geht,“ erklärte Bruder Benedikt.Christian nickte, das konnte er gut nachempfinden. Der Saal war mindestens drei bis vier Stockwerke hoch und oben an der Decke konnte man ahnen, dass da ein sehr schönes Gemälde sein musste. Die ganze Wand waren sie am Verglasen. Wo vorher viele kleine Fenster waren, wurden jetzt große und breite Fenster eingelassen. Im hinteren Teil des Saales waren Arbeitszimmer wie Höhlen eingelassen,in denen die anderen Brüder zu arbeiten schienen. In drei Etagen waren sie da wie in einem Bienenstock angeordnet. Da überall Terminals zu sehen waren,fragte die Rothaarige sofort: „Bei soviel Licht, stört sie denn da nicht die Sonne auf den Bildschirmen?“ Benedikt schüttelte ungläubig seinen Kopf und meinte: „Nein, die Terminals sind alle so zum Raum ausgerichtet, das nichts blendet.“ „Warum haben sie gerade mit dem Kopf geschüttelt?“ fragte da zum ersten Mal die kleine ältere Frau. „Weil ich mich immer noch darüber wundern kann, was die Menschen so fragen, und was sie so nicht fragen.“ Da nickte die Frau und meinte: „Ach, sie meinen das mit dem vielen Licht. Ich weiß von mir nur, dass meine Augen immer mehr nachlassen, und deshalb brauche ich viel Licht,um noch etwas erkennen zu können. Das wird ihnen sicher nicht anders ergehen.“Da nickte Bruder Benedikt verhalten: „Auch wegen der Augen, aber im wesentlichsten wegen der Wirkung. Im Licht arbeiten und leben wir anders, als im Dunkeln.“ „Ja, deshalb werden ja Geheimnisse auch immer hinter verschlossenen Türen besprochen.“ „Und den Fernblick brauchen sie dann, um sich abzulenken!“ donnerte wieder der Herr los, der doch solange schon seinen Mundgehalten hatte. „Nein, die Fernsicht brauchen wir immer als Ausgleich zur Nahsicht auf den Nächsten,“ erklärte schnell Bruder Benedikt. „Den nächsten?“fragte der Herr nochmals nach. „Ja, den Nächsten. Derjenige, der uns das Leben lässt, oder es uns nimmt, der ist damit gemeint,“ beendete Benedikt wieder den kleinen Schlagabtausch. Der Kopf des Herrn schnellte herum, es schien für ihn gerade erst anzufangen: „Dass sie aber damit die ganze Fassade des Klosters ruinieren, das haben sie bei ihrer Überlegung mit dem Nächsten aber außer Acht gelassen.“ „Wir ruinieren nicht, sondern wir verändern zum Wesentlichen hin.Dieses Fenster bildet mit dem großen Fenster im Hörsaal eine Waage, die nicht im Gleichgewicht ist. Das ist für uns das Wesentliche, Gleichgewicht zu schaffen.“ „Ja und der Lebensbaum ist damit verschwunden,“ protestierte der Herr wieder laut. „Der Lebensbaum war vom Grafen und auch von uns nicht beabsichtigt. Die Bevölkerung hat ihn als das erkannt, und so im Volksmund verbreitet.“ „Ja, aber das ist doch nun zerstört. Die hohe Klostermauer ist bald nur noch so etwas, wie eine Waage im Ungleichgewicht, prost Mahlzeit,“ triumphierte der Herr. Da war gerade die Tür aufgegangen: „Prost Mahlzeit, das wünschen ich ihnen auch!“ grinste ihn da ein junger Mann an, der mit vielen anderen in den Saal strömte. Alle grüßten sie die Besucher, entweder mit einem kurzen Nicken oder mit einem guten Tag. „Das ist gut!“ donnerte da Bruder Benedikt los: „Da können sie gleich mit mir in den Hörsaal kommen, die haben jetzt Pause.“ „Hörsaal, studieren sie hier auch?“ fragte der Herr mit der Fassade. „Ja, wir lernen zu erkennen, was für uns wichtig ist. Dazu laden wir Leute ein, die uns aus erster Hand erzählen können, wie sie leben und sterben,wie sie lieben und hassen,“ dabei grinste er wieder Christian an, der aber leider nichts verstand. „Ach, dann laden sie so zum Beispiel den Top-Terroristen ein, ich komme jetzt nicht auf seinen Namen, und der erzählt ihnen dann, warum er so böse ist,“ plapperte die Rothaarige los. „Nicht ganz,wir sprechen auch mit diesen Leuten, aber die können meistens nicht zu uns,sondern wir kommen zu denen. Und sie reden nicht davon, warum sie böse sind,sondern was ihnen wichtig ist. Und Top-Terroristen erzählen sowieso uns nicht von dem, was ihnen wichtig ist, sondern nur von dem, was ihnen heilig ist. So weit die kleinen Unterschiede.“ Da war der Herr wieder auf der Matte: „Sie besuchen also die Verbrecher, die wir mit riesigen Aufwand in der Welt suchen, sprechen mit ihnen, und ohne sie zur Strecke zu bringen, fahren sie dann nach Hause und lassen sie weiter morden?“ Bruder Benedikt stellte sich in seiner ganzen Größe vor den Herrn, der schon glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen.„Stimmt, nur wenn wir dann nach so einem Treffen nach Hause fahren, dann heulen wir uns meistens fast die Augen aus, so verzweifelt ist das.“ Da starrte der Herr ihn nur an, als Bruder Benedikt eine Träne die Wange herunter lief. „Darf man mal fragen, warum sie dann so weinen? Weil sie so fertig sind?“ fragte die kleine Frau. „Ja, weil ich fertig bin. Denn ich lerne immer wieder, dass jeder Mensch, aber auch jeder Mensch aus seiner Sicht, immer Recht hat. Ja, sogar,dass er gar nicht anders handeln kann, als er handelt. Und weil das Recht der Menschen und das Recht von Gott so nahe zusammen liegt und mir doch so unüberbrückbar erscheint, weine ich. Das hilft mir dann, weiter zu gehen. Und deshalb gehen wir jetzt weiter rüber zum Hörsaal.“ „Vorhin in dem großen Saal, da haben doch so viele Leute in diesem Puppenhaus da gearbeitet...“ Da lachten doch einige auf, und die kleine Dame verbesserte sich sofort: „Mich hat das halt so an ein riesengroßes Puppenhaus erinnert. Sind das auch so Leute wie sie?“ Bruder Benedikt grinste sie an: „Ja, das sind auch so Leute wie ich. Und alle dort arbeiten im wesentlichen an der gleichen Sache!“ da machte er eine Pause: „Sie arbeiten alle an sich selber. Das geht über schreiben, sprechen, träumen,anschauen und immer wieder ausprobieren, halt es auch wirklich tun.“ „Ach, dann arbeiten sie wohl jetzt gerade an sich selbst, in dem sie uns hier alles zeigen,“ schoss die kleine Dame ab. Bruder Benedikt nickte. Die Rothaarige ließ sich das nicht entgehen: „Und was haben sie so bei uns gelernt?“ „Ich? Ich habe von ihnen gelernt, was ihre Sicht ist und was meine Sicht ist. Was sie glauben,und was ich weiß!“ 

 veröffentlicht am 29.04.2002

Der Friedensstift ist ein Kloster mit Menschen, die ihr Leben einsetzen, um anderen Menschen ihr Leben zu retten, egal ob sie Täter oder Opfer sind. Wir begleiten die Friedensbrüder auf ihren Einsätzen und erleben die Ausbildung von der Pike auf.

 

SIENCE-FICTION ist heute,

LIFE-FICTION ist ewig, wieso?

Foz do Iguacu, Brasilien 1984

Christoph Sauer

 

Die Wissenschaft schafft Wissen,
aber das geht nur,
wenn vorher kein Wissen da ist.
Wenn wir aber Allwissend sind und uns nur an unser Wissen zu erinnern brauchen, dann schaffen wir kein Wissen mehr, sondern wir schaffen es, mit all dem Wissen zu leben.
Dazu ein Beispiel:
Das Auto hat keine Zukunft, wieso? Wer glaubt, dass wir in hundert Jahren noch Auto fahren?
Wer glaubt, dass wir in tausend Jahren noch Auto fahren?
Wenn wir aber in tausend Jahren kein Auto mehr fahren, dann ist das Auto heute schon ein Auslaufmodell.